Auf TikTok sieht es spektakulär aus. Lifter reissen eine Dose auf, halten sie sich unter die Nase, der Kopf fliegt nach hinten, die Augen werden weit, und dann geht die 300-Kilo-Kniebeuge wie von selbst nach oben. Die Kommentarspalte explodiert: “Was ist das Zeug?” Die Antwort: Riechsalz. Oder auf Englisch: Smelling Salts. Ammoniumcarbonat, das beim Kontakt mit Feuchtigkeit Ammoniakgas freisetzt.
Die Fitness-Industrie hat den Trend erkannt. Verschiedene Hersteller verkaufen Dosen und Kapseln an Hobbysportler, die bis vor zwei Jahren nicht wussten, dass Riechsalz existiert. Auf dem TikTok Shop kannst du Smelling Salts direkt bestellen. Die Versprechen klingen nach dem ultimativen legalen Leistungsboost.
Aber was sagt die Wissenschaft? Spoiler: deutlich weniger als die Marketing-Abteilungen.
Was ist Riechsalz eigentlich?
Riechsalz basiert auf Ammoniumcarbonat ((NH₄)₂CO₃). In Kontakt mit der feuchten Nasenschleimhaut zerfällt es und setzt Ammoniakgas (NH₃) frei. Ammoniak ist ein farbloses, stechend riechendes Gas, das in deutlich höheren Konzentrationen auch in Düngemitteln und Reinigungsmitteln vorkommt.
Die Geschichte reicht weit zurück. Vom 17. bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Riechsalze bei Schwindel- und Ohnmachtsanfällen eingesetzt. Viktorianische Damen trugen Riechfläschchen in der Handtasche. Das Faust-Zitat “Nachbarin! Euer Fläschchen!” wird laut dem Wikipedia-Artikel zu Riechsalz mit der Anwendung von Riechsalzen in flüssiger Darreichungsform in Verbindung gebracht. Im Sport tauchte Riechsalz zuerst im Boxen, dann im American Football und Eishockey auf. Seit den 2020er-Jahren hat es über Powerlifting-Videos den Weg in die breite Fitness-Szene gefunden.

Kommerzielle Produkte für Sportler enthalten laut Art of Manliness rund 15 Prozent Ammoniak, dreimal so viel wie ein Haushaltsreiniger wie Windex (5 Prozent). Zur Einordnung: Der NIOSH IDLH-Wert (Immediately Dangerous to Life or Health) für Ammoniak liegt bei 300 ppm, tödliche Konzentrationen beginnen laut CDC ab etwa 5.000 ppm. Die kurzzeitige Exposition beim Sniff einer Kapsel ist deutlich kürzer als die Referenzzeiträume dieser Grenzwerte (typischerweise 30+ Minuten), weshalb Riechsalz bei einmaligem, kurzem Kontakt nicht akut lebensgefährlich ist.
Wie Riechsalz wirkt: Die Kettenreaktion im Körper
Der Wirkmechanismus ist gut verstanden, auch wenn die Leistungseffekte umstritten sind. Ammoniak löst eine reflexartige Kettenreaktion aus:
Das National Institute of Health formuliert es so: “Inhalation of ammonia gas irritates the membranes of the nose and lungs, and thereby triggers an inhalation reflex that alters the pattern of breathing, resulting in improved respiratory flow rates and possibly alertness.”
Der Schlüsselbegriff ist “possibly”. Die Kettenreaktion vom Ammoniakgas bis zur Sympathikus-Aktivierung ist physiologisch belegt. Aber ob diese Aktivierung tatsächlich in mehr Kraft auf der Hantel mündet, ist eine andere Frage.
Was die Wissenschaft sagt: 3 Studien, 1 klares Bild
Die Studienlage zu Riechsalz im Kraftsport ist dünn. Drei kontrollierte Studien haben den Effekt auf Kraftleistung direkt untersucht.
Studie 1: Richmond et al. 2014 (PDF)
Die erste kontrollierte Studie zum Thema. 25 trainierte Männer (mindestens 3 Jahre Trainingserfahrung) führten maximale Wiederholungen bei der Kniebeuge und beim Bankdrücken mit 85 Prozent ihres 1RM durch. Einmal nach Ammoniak-Inhalation, einmal nach Placebo (Vicks VapoRub).
Ergebnis: Kein signifikanter Unterschied. Weder bei der Kniebeuge (p = 0.403) noch beim Bankdrücken (p = 0.422) machte Riechsalz einen messbaren Unterschied.
Die Autoren schrieben: “Ammonia inhalants should not be prescribed universally by trainers.” (JEPonline, April 2014)
Studie 2: Bartolomei et al. (2018)
Die methodisch stärkste Studie. 20 trainingserfahrene Männer (Durchschnittsalter 26.7 Jahre, Körpergewicht 80.6 kg) wurden in drei Bedingungen getestet: Ammoniak, Placebo und Kontrollgruppe ohne Inhalation.
Gemessen wurden: Counter Movement Jump Power (CMJP), isometrische Maximalkraft (IMTP) und die Peak Rate of Force Development über 20 Millisekunden (pRFD20).
Ergebnis:
- Maximalkraft (IMTP): Kein signifikanter Effekt (p = 0.075)
- Sprungkraft (CMJP): Kein signifikanter Unterschied (p = 0.251)
- Kraftentwicklungsrate (pRFD20): Signifikante Verbesserung (p < 0.01)
Das ist der einzige signifikante Fund in der gesamten Literatur. Die Autoren interpretieren vorsichtig: Ein “potential ergogenic effect on rate of force development” könnte in Sportarten relevant sein, die explosive Kraftentfaltung erfordern. (DOI: 10.1519/JSC.0000000000002171)
Studie 3: Deadlift-Studie (20 Probanden)
Eine weitere Studie mit 20 Teilnehmern (10 Männer, 10 Frauen, mindestens 2 Jahre Trainingserfahrung) untersuchte den Effekt auf das 1RM beim Kreuzheben. Drei Bedingungen: Ammoniak, Wasser-Inhalation (Kontrolle), Baseline ohne Inhalation.
Ergebnis: Keine Verbesserung der Kreuzheben-Leistung. Beide Geschlechter zeigten keinen messbaren Unterschied zwischen den Bedingungen.
Die Zusammenfassung der Evidenz
Bender und Popkin haben 2024 im Sports Health Journal eine Übersichtsarbeit veröffentlicht (DOI: 10.1177/19417381231217341). Das Fazit: “Of the four similar studies reviewed examining the effects of AI on force production, none showed an effect greater than placebo, with only one study suggesting rate of force development may be enhanced.”
Die Canadian Strength and Conditioning Association formuliert es noch direkter: Die Athleten berichteten zwar, dass sie sich “more aroused and alert” fühlten. Aber dieses subjektive Gefühl übersetzt sich in den Daten nicht in mehr Kraft.

Marketing vs. Realität
Die Diskrepanz zwischen dem, was Hersteller versprechen, und dem, was die Studien zeigen, ist gross.
Dr. Elizabeth Rainbolt vom Cleveland Clinic bringt es auf den Punkt: “From what we do know, there are too many risks without any known benefits.” Und: “It irritates your airways and your lungs. When you breathe it in, you reflexively take a really big breath.” Die Adrenalinausschüttung sei real, aber erzeuge keinen echten “High”, sondern eine Fight-or-Flight-Reaktion.
Die Hersteller-Seite der Medaille: Auf den Produktseiten von Nose Tork, B1 Salts und Co. findest du Begriffe wie “enhanced focus”, “increased power output” und “next-level performance”. Was du nicht findest: Verweise auf die drei Studien, die genau das nicht bestätigen konnten.
Was die Community sagt
Die Erfahrungsberichte aus Foren sind aufschlussreich, weil sie zeigen was die Studien nicht messen: den subjektiven Kick.
“Ammonia is WAY more effective than any pre-workout. Aber ich reserviere es ausschliesslich für Contest-Maxes, um die Recovery zu schonen.” T3hPwnisher, T-Nation Forum
Auf T-Nation berichtet User Vincepac1500, er nutze Riechsalz “once a month or two” für das Bankdrücken, wenn er nicht in die Zone kommt. Seine Empfehlung: Erst ab einem fortgeschrittenen Kraftniveau (er nennt 440+ lbs Squat, 315+ lbs Bench, 525+ lbs Deadlift) überhaupt anfangen. Vorher sei es verschwendet.
Ein anderer User (rakshy) beschreibt eine negative Erfahrung: Die Intensität des Produkts verursachte Halsschmerzen und tränende Augen, und er schaffte am Ende weniger Wiederholungen als ohne.
Yogi1 auf T-Nation warnt vor Überdosierung: “Nasal pain, eye streaming, temporary vision impairment lasting 20 minutes from oversized dose.”
Im deutschsprachigen muscle-corps.de-Forum zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. User The Wicker Man reserviert Riechsalz für Wettkämpfe und weist auf den Gewöhnungseffekt hin: “Im Training nutzen macht keinen Sinn, weil du dich daran gewöhnst und der Effekt verpufft.” User Alte Dame bietet eine günstige Alternative: “Ammoniak aus der Apotheke für 2,25 Euro. Befreit die Atemwege, fördert tiefes Durchatmen.”
Der skeptischste Beitrag kommt von Mr.Wayne: Er bezeichnet Ammoniak als “grösstes Dreckszeug” und sieht den Effekt als “ritualistisches Placebo”.
“Ein Bundesliga-Gewichtheber erlitt eine Augenverletzung durch Ammoniak bei einem Jugend-Wettkampf. Ammoniak ist daher bei Jugenddisziplinen verboten. Nur Riechsalze [in schwächerer Konzentration] sind erlaubt.” kecks, muscle-corps.de
Dresden auf T-Nation beschreibt ein Problem, das die Studien bestätigen: “Salts ruined my concentration.” Der Effekt ist so intensiv, dass er bei manchen Liftern die Konzentration zerstört statt sie zu verbessern. Das erklärt, warum die Studienergebnisse keinen positiven Nettoeffekt auf Kraft zeigen: Was an Arousal gewonnen wird, geht bei vielen an Koordination und Fokus wieder verloren.
Nebenwirkungen und Risiken
Die meisten Gym-Bros auf TikTok überspringen diesen Teil. Aber er ist relevant.
Akute Risiken:
- Chemische Verätzungen der Nasenschleimhaut bei zu geringem Abstand oder zu häufiger Nutzung
- Augenreizung bis hin zu temporärer Sehstörung (dokumentiert in Foren und bei Gewichtheben-Wettkämpfen)
- Husten, Niesen, Atemnot
- Unwillkürliches Kopfzurückreissen (Verletzungsrisiko bei instabiler Halteposition)
Bei regelmässiger Nutzung:
- Reizung und Schädigung der Nasenschleimhaut
- Möglicher Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn laut der Canadian Strength and Conditioning Association
- Toleranzentwicklung (Gewöhnungseffekt, der immer höhere Dosen erfordert)
FDA-Warnung (2025): Die US-amerikanische Food and Drug Administration hat 2025 eine Warnung gegen die Produkte “Nose Slap” und “Soul Slap” herausgegeben. Konsumenten berichteten über Krampfanfälle, schwere Migräne, Erbrechen, Durchfall und Ohnmacht. Die FDA stuft diese Produkte als “unapproved inhalant products containing ammonia” ein, die “may pose health risks”.
Maskierung von Verletzungen: Der Cleveland Clinic weist auf ein oft übersehenes Risiko hin: Der Adrenalinstoss kann Schmerzen von ernsthaften Verletzungen überdecken. Im Boxen wurde Riechsalz genau deshalb verboten: Der Weckeffekt kann über die Schwere eines Kopftreffers hinwegtäuschen. Im Kraftsport gilt dasselbe Prinzip: Wer einen stechenden Schmerz in der Schulter mit Ammoniak übertüncht und trotzdem den Versuch nimmt, riskiert eine ernsthafte Verletzung.
Ist Riechsalz legal?
Kurz: Ja. Ammoniumcarbonat und Ammoniak-Riechsalz sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz frei verkäuflich. Es gibt keine Einschränkung durch die Chemikalien-Verbotsverordnung (ChemVerbotsV). Riechsalz steht nicht auf der WADA-Verbotsliste, ist also kein Doping im sportrechtlichen Sinne.
Riechampullen sind in Apotheken in Deutschland frei erhältlich, teilweise ohne Vorbestellung. Eine Rezeptpflicht besteht nicht. Auch der Kauf über Online-Shops und Fitness-Händler ist uneingeschränkt möglich.
Im Wettkampf gelten allerdings Verbandsregeln:
- IPF (International Powerlifting Federation): Ammoniak-Nutzung “in public view” ist verboten. Im Aufwärmbereich oder in den Kabinen wird es toleriert.
- Jugendgewichtheben (Deutschland): Ammoniak ist verboten. Nur schwächere Riechsalze sind zugelassen.
- Boxen: Komplett verboten, weil der Effekt die Schwere von Kopfverletzungen verschleiern kann.
- NFL und NHL: Erlaubt und weit verbreitet. Spieler nutzen Riechsalz offen in Spielpausen.
Fazit: Für den privaten Gebrauch im Gym gibt es keine rechtliche Einschränkung. Vor Wettkämpfen das Regelwerk des jeweiligen Verbands prüfen.
Wo kaufen?
Es gibt drei gängige Bezugsquellen mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen:
1. Apotheke (Ammoniumcarbonat) Die günstigste Option. Reines Ammoniumcarbonat kostet in der Apotheke wenige Euro. Der Nachteil: Du musst es selbst in ein Behältnis füllen und die Dosierung ist nicht standardisiert. Für Einsteiger nicht ideal, weil die Konzentration schwer einzuschätzen ist.
2. Online-Shops (Sport-Riechsalz) Spezialisierte Fitness-Shops und Amazon bieten fertige Produkte in Dosen oder als Einzelkapseln. Die Preise liegen typischerweise zwischen 10 und 25 Euro. Gängige Marken sind Nose Tork (Flasche zum Wiederverschliessen), B1 Salts und Ward Smelling Salts. Einzelkapseln sind hygienischer und dosierungssicherer als offene Flaschen.
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3. Internationale Powerlifting-Shops Shops wie Strengthshop, Inzer oder GoSupps liefern auch nach Deutschland. Die Auswahl ist grösser als auf Amazon.de, aber Versandkosten und Lieferzeiten aus den USA sind ein Faktor.
Wenn du es trotzdem nutzen willst
Die Evidenz zeigt keinen Kraftvorteil, und die Risiken sind nicht null. Trotzdem nutzen viele erfahrene Lifter Riechsalz bei PR-Versuchen oder Wettkämpfen. Wenn du dazugehörst, hier die Sicherheitsempfehlungen aus der Literatur und den Foren:
Die Community-Empfehlung von T-Nation-User Vincepac1500 hat eine gewisse Logik: Wer noch nicht fortgeschritten genug ist, um an seine echten Grenzen zu stossen, braucht keinen chemischen Weckruf. Der limitierende Faktor bei einem 100-Kilo-Kreuzheben ist nicht mangelnde Sympathikus-Aktivierung.
Fazit
Riechsalz im Kraftsport ist ein Paradebeispiel für den Unterschied zwischen “es passiert etwas im Körper” und “es bringt messbar mehr Leistung”. Die physiologische Kette ist real: Ammoniak reizt den Trigeminusnerv, löst den Inhalationsreflex aus, aktiviert den Sympathikus, schüttet Adrenalin aus. Soweit die Wissenschaft.
Aber Adrenalin ist nicht gleich Kraft. Drei kontrollierte Studien mit insgesamt 65 Probanden konnten keinen Effekt auf Maximalkraft, Sprungkraft oder Wiederholungsleistung nachweisen. Der einzige statistisch signifikante Fund betrifft die Kraftentwicklungsrate, also wie schnell Kraft aufgebaut wird, nicht wie viel.
Der Effekt von Riechsalz ist primär psychologisch. Und ja: Psychologie kann leistungsrelevant sein. Self-Efficacy, Arousal und Fokus spielen bei maximalen Versuchen eine Rolle. Aber dasselbe erreichst du mit einem Klaps ins Gesicht, lautem Musik hören oder einem soliden Pre-Workout-Ritual, ohne das Risiko chemischer Verätzungen der Nasenschleimhaut.
Die FDA-Warnung von 2025 gegen bestimmte Produkte sollte jedem klar machen: Das ist kein Nasenspray. Es ist ein Ammoniakgas-Inhalat, und die Dosierung bei kommerziellen Produkten ist nicht standardisiert.
Wer Riechsalz nutzen will, sollte es selten tun, den Abstand einhalten und keine Wunder erwarten. Wer ohne Riechsalz keine schwere Kniebeuge schafft, hat kein Riechsalz-Problem. Er hat ein Trainings- oder Motivationsproblem.
Methodik und Quellen
Für diesen Artikel wurden drei kontrollierte Studien zur Wirkung von Ammoniak-Inhalaten auf Kraftleistung ausgewertet: Richmond et al. 2014 (Journal of Exercise Physiology Online, 25 Probanden, PDF), Bartolomei et al. 2018 (Journal of Strength and Conditioning Research, 20 Probanden, DOI) und eine Deadlift-Studie mit 20 Probanden. Ergänzt durch die Übersichtsarbeit von Bender & Popkin 2024 (Sports Health, DOI).
Community-Stimmen stammen aus zwei T-Nation-Threads (Thread 1, Thread 2, englischsprachig) und einem muscle-corps.de-Thread (deutschsprachig). Medizinische Einordnung basiert auf Artikeln von Cleveland Clinic, WebMD und der Canadian Strength and Conditioning Association. Die FDA Safety Communication von 2025 zu Nose Slap/Soul Slap wurde direkt referenziert.
Limitationen: Die Gesamtprobandenzahl aller drei Kraftstudien beträgt nur 65 Personen. Langzeitstudien zur regelmässigen Nutzung im Kraftsport existieren nicht. Die Forum-Stimmen sind eine Auswahl und nicht repräsentativ.
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