Auf dem Label steht Testosteron Enantat, 250 mg/ml. Die HPLC-Analyse zeigt 157 mg/ml und Spuren von Boldenon. Das Fläschchen sieht professionell aus, holografisches Siegel, sauberer Druck, Charge und Verfallsdatum ordentlich gestanzt. Trotzdem: 37 Prozent weniger Wirkstoff als angegeben, plus eine Substanz, die da nicht reingehört.
Kein Einzelfall. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2022, die 5.413 Schwarzmarkt-Proben aus 19 Studien zusammenfasst, kommt zu einem klaren Ergebnis: 36 Prozent der untersuchten Produkte waren gefälscht, weitere 37 Prozent entsprachen nicht dem deklarierten Standard (Magnolini et al., 2022, DOI). Das ist ja erstmal eine Zahl, die man sacken lassen muss.
Wer heute Substanzen nutzt und nicht weiß, was wirklich im Fläschchen steckt, bewegt sich blind durch ein Feld voller Variablen. Die gute Nachricht: Es gibt mittlerweile Werkzeuge, die Licht ins Dunkel bringen. Und die Daten erzählen eine Geschichte, die differenzierter ist als “alles Schrott” oder “wird schon passen”.
Was ein HPLC-Report dir wirklich sagt
HPLC steht für High-Performance Liquid Chromatography. Vereinfacht passiert Folgendes: Eine Probe wird in einer Flüssigkeit gelöst, durch eine Säule gepresst und dabei in ihre Bestandteile aufgetrennt. Verschiedene Moleküle wandern unterschiedlich schnell durch die Säule. Am Ende misst ein Detektor, welche Substanzen in welcher Konzentration vorhanden sind.
Für Steroid-Analysen kombinieren die meisten Labore HPLC mit UV-Detektion oder Massenspektrometrie (LC-MS/MS). Die UV-Detektion reicht für die Konzentrationsbestimmung bekannter Substanzen. Die Massenspektrometrie identifiziert zusätzlich unbekannte Verbindungen, also genau das, was du wissen willst, wenn du prüfen möchtest, ob dein Primobolan wirklich Primobolan ist.
Was ein HPLC-Report dir sagt: Welche Substanz drin ist und in welcher Konzentration. Was er dir nicht sagt: Ob die gesamte Charge so aussieht. Ein Test repräsentiert ein Fläschchen aus einer Charge. Der Rest könnte anders sein. Und: Sterilität prüft HPLC nicht. Dafür braucht es separate mikrobiologische Tests (TAMC/TYMC).
Janoshik gibt die eigene Fehlermarge mit etwa 5 Prozent für Öle und orale Präparate an, bei flüssigen Suspensionen und bestimmten Substanzen wie Clenbuterol kann sie auf 10 Prozent steigen.
Die drei großen Testlabore: AnabolicLab, Janoshik und SIMEC
Drei Namen tauchen in fast jeder Diskussion auf, wenn es um unabhängige Steroid-Tests geht. Jedes Labor arbeitet anders, hat ein anderes Geschäftsmodell und eine andere Reputation.
AnabolicLab (anaboliclab.com) betreibt die wohl größte öffentliche Datenbank für Steroid-HPLC-Tests. Gegründet unter dem Namen “Athlete Harm Reduction Services”, finanziert sich das Projekt über drei Wege: eigenfinanzierte Tests (AnabolicLab kauft Produkte anonym), nutzerfinanzierte Tests (Endverbraucher schicken Proben ein) und herstellerfinanzierte Tests (UGLs stellen Produkte zur Verfügung). Die Ergebnisse reichen bis mindestens 2016 zurück. Zugang zu detaillierten Reports erfordert teilweise eine Mitgliedschaft. Getestet wurden zuletzt unter anderem Produkte von Axle Labs, Stanford Pharma, QSC und PUCA.
Janoshik Analytical (janoshik.com) aus Prag hat sich seit der Gründung um 2012/2013 zum dominierenden Player entwickelt. Das Labor beschäftigt rund 30 Mitarbeiter und verarbeitet täglich hunderte Tests. Gründer Peter Magic, ein slowakischer Ex-Gewichtheber, hat die Firma von einem Ein-Mann-Betrieb zu einem relevanten Akteur im Bereich Substanzanalyse aufgebaut. Das Methodenspektrum umfasst HPLC mit UV-Detektion, LC-MS/MS zur Identitätsbestätigung, GC-MS für Kontaminationsscreening, dazu LAL-Tests für Endotoxine und ICP-MS für Schwermetalle.
Die Preise: 120 USD für ein Steroid-Blindscreening, 170 USD für SARM-Analyse, 420 USD für Wachstumshormon. Durchschnittliche Bearbeitungszeit: vier Tage. Die Ergebnisse kommen als QR-verifizierbare Zertifikate (public.janoshik.com). Wichtig zu wissen: Janoshik hat keine ISO-17025-Akkreditierung. Die Ergebnisse taugen nicht für regulatorische Einreichungen. Und im Februar 2026 gab es einen Datenleck, bei dem Kundendaten und Versandinformationen kompromittiert wurden.
SIMEC AG (simec.ch) in Oftringen, Schweiz, ist das Gegenmodell. Ein akkreditiertes Servicelabor (EN 17025, GMP), das chemische und mikrobiologische Analysen für die Pharma- und Lebensmittelbranche durchführt. SIMEC bietet HPLC-UV-Quantifizierung plus mikrobiologische Tests (TAMC/TYMC). Preis: rund 300 USD pro Probe. Jeder Report hat eine individuelle Nummer und ist verifizierbar. Im Vergleich zu Janoshik teurer, aber mit formaler Akkreditierung.
Was die Daten zeigen: Gefälscht, unterdosiert, verunreinigt
Hier wird es unbequem. Die Zahlen aus der Meta-Analyse von Magnolini et al. (2022, DOI) basieren auf 5.413 Proben aus 19 Studien, überwiegend aus Europa (63%) und Brasilien (37%). 74 Prozent der Proben waren von Behörden beschlagnahmt worden.
Von den als gefälscht identifizierten Produkten (36% der Gesamtmenge) zeigte sich folgendes Bild: 44 Prozent enthielten eine falsche Substanz als die deklarierte. 24 Prozent enthielten überhaupt keinen Wirkstoff. Die restlichen 11 Prozent der Fälschungen fielen in die Kategorie “adulterated”, also Produkte mit zusätzlichen oder abweichenden Inhaltsstoffen neben dem deklarierten Wirkstoff.
Bei den als substandard eingestuften Produkten (37%) war die Dosierung in 67 Prozent der Fälle zu niedrig und in 33 Prozent zu hoch. Überdosierung klingt erstmal harmloser als Unterdosierung. Ist es aber nicht. Wer seinen Testosteron-Zyklus plant und unwissentlich 150 statt 100 mg pro ml injiziert, fährt wochenlang eine höhere Dosis als beabsichtigt, mit allen Konsequenzen für Nebenwirkungen und Blutwerte.
Regionale Unterschiede sind frappierend. In Europa enthielten 51 Prozent der gefälschten Produkte eine falsche Substanz, aber nur 15 Prozent waren komplett wirkstofflos. In Brasilien war es umgekehrt: 49 Prozent enthielten gar keinen Wirkstoff, nur 28 Prozent eine falsche Substanz. Wer in Europa ein gefälschtes Produkt kauft, bekommt also mit höherer Wahrscheinlichkeit wenigstens irgendein Steroid, nur halt das falsche.
Die Schweizer Grenzstudie von Weber et al. (2017, DOI) zeichnet ein noch düstereres Bild: Von 1.190 an der Grenze beschlagnahmten Produkten enthielten weniger als 20 Prozent die deklarierte Substanz in der korrekten Menge. 75 Prozent waren anabole Wirkstoffe, 12 Prozent Peptidhormone. Die Produkte stammten von 204 verschiedenen Herstellern aus 48 Ländern.
Und die italienische Studie von Odoardi et al. (2021, DOI) über rund 400 beschlagnahmte PIEDs aus den Jahren 2017 bis 2019: 15 Prozent enthielten eine komplett andere Substanz als deklariert. 10 Prozent waren mit anderen Wirkstoffen kontaminiert, hauptsächlich Testosteronester. 11 Prozent hatten überhaupt kein Label.
Welche Substanzen am häufigsten betroffen sind
Nicht alle Steroide werden gleich häufig gefälscht. Das Muster ist ökonomisch vorhersagbar: Je teurer der Rohstoff, desto größer der Anreiz zur Fälschung.
Primobolan (Metenolon) führt die Liste mit Abstand an. In der Community gilt es als der am häufigsten gefälschte Wirkstoff überhaupt. Der Grund: Metenolon-Rohstoff ist deutlich teurer als Testosteron. Die Fälschungsvarianten reichen von komplett ersetzt (Testosteron Propionat statt Primo, wie bei PSL dokumentiert) über stark unterdosierte Versionen bis hin zu Acetat statt Enantat (YourMuscleShop-Fall). Ein Janoshik-Test für 120 USD kann hier Hunderte Euro an verschwendetem Geld und unerwünschten Nebenwirkungen verhindern.
Oxandrolon (Anavar) ist ebenfalls ein häufiges Ziel. Der Rohstoff ist teuer, die Nachfrage hoch, besonders bei Frauen. Die Studie von Piatkowski et al. (2024, DOI) dokumentiert explizit, dass Substanzen für weibliche Nutzer “wirklich häufig gefälscht” werden. Im australischen Pilotprojekt wurde in einer Probe Stanozolol anstelle von Oxandrolon nachgewiesen.
Wachstumshormon (HGH) hat eigene Probleme. Die Analytik ist aufwändiger (420 USD bei Janoshik), Dosierungsschwankungen sind häufig, und die Unterscheidung zwischen echtem und rekombinantem HGH erfordert spezifische Tests.
Testosteron schneidet dagegen vergleichsweise gut ab. Der Rohstoff ist billig, die Herstellung unkompliziert, und der Anreiz zur Fälschung ist gering. In der 2025er Janoshik-Kompilation auf Evolutionary.org zeigten 29 von 34 getesteten Proben die korrekte Dosierung. Zwei lagen knapp darunter (84% und 89% der Labeldosis), drei knapp darüber (110%, 111%, 119%). Alles nah an der 10-Prozent-Schwelle.
Die Faustregel: Wer Testosteron kauft, hat statistisch die besten Chancen auf ein korrekt dosiertes Produkt. Wer Primobolan, Anavar oder HGH kauft, sollte schon dringend einen HPLC-Test in Betracht ziehen.
Der Jano-Effekt: Wie öffentliches Testing den Markt verändert hat
Vor 2015 gab es im Grunde keine öffentliche Testinfrastruktur für UGL-Produkte. Vertrauen basierte auf Reputation in Foren, anekdotischen Blutwert-Ergebnissen und bestenfalls visueller Inspektion der Produkte. Die Meta-Analyse zeigt, dass visuelle Inspektion “weitgehend ineffektiv” bei der Erkennung von Fälschungen ist (Magnolini et al., 2022, DOI).
Dann kamen die Testlabore. AnabolicLab begann systematisch Produkte zu kaufen und analysieren zu lassen. Janoshik machte den Prozess für Endverbraucher zugänglich: 120 USD, Probe einschicken, vier Tage warten. Halt so einfach, dass es auch ein normaler Nutzer machen kann.
Was danach passierte, war eine Art Marktbereinigung von unten. UGLs begannen aktiv, ihre eigenen Produkte testen zu lassen und die Ergebnisse als Marketing-Tool zu nutzen. Auf MESO-Rx gibt es eigene Foren-Sektionen für analytische Laborergebnisse. Das “Project Clear Gear” organisiert crowdfinanzierte Blindtests. Chinesische Rohstofflieferanten akzeptieren Reklamationen mittlerweile nur noch mit Janoshik-Ergebnis als Nachweis.
Die Daten deuten darauf hin, dass dieser Transparenzdruck wirkt. Nein, Moment. So pauschal stimmt das nicht. Die Meta-Analyse mit ihren 36 Prozent Fälschungsrate basiert überwiegend auf beschlagnahmten Proben aus der Zeit vor dem Jano-Effekt. Die neueren Daten aus dem australischen CheQpoint-Projekt zeigen immer noch knapp 20 Prozent Identitätsprobleme (9 von 46 analysierbaren Proben enthielten eine unerwartete Substanz) und bei einem Drittel der quantitativ analysierten Proben Dosierungsabweichungen (Piatkowski et al., 2025, DOI). Besser als die historischen Zahlen, aber weit entfernt von “alles okay”.
Was sich geändert hat: Die Informationslage. Wer heute ein Produkt testet und ein schlechtes Ergebnis bekommt, postet es. Der Reputationsschaden für ein UGL ist sofort und öffentlich. Labs, die konsequent schlechte Ergebnisse liefern, verlieren Kunden. Labs, die gute Ergebnisse vorweisen können, nutzen das aggressiv im Marketing.
Das schafft Anreize in die richtige Richtung. Aber es schafft auch neue Probleme: Vendor-finanziertes Testing bedeutet, dass UGLs selektiv die besten Chargen einschicken können. Ein gutes Testergebnis für Charge A sagt nichts über Charge B. Und gefälschte Janoshik-Zertifikate sind dokumentiert, etwa bei Modern Peptides.
HPLC-Ergebnisse richtig einordnen: Worauf du als Nutzer achten solltest
Ein Janoshik-Zertifikat sieht offiziell aus. QR-Code, Labordaten, Substanzidentifikation. Doch was genau schaust du dir an?
Zuerst: Verifizierung. Jedes echte Janoshik-Zertifikat lässt sich über public.janoshik.com und den QR-Code prüfen. Wenn ein Vendor ein Zertifikat postet und du es dort nicht verifizieren kannst, ist es wohl eine Fälschung.
Dann die Konzentration. Ein Ergebnis von 95 Prozent der Labeldosis ist im Rahmen der normalen Fehlermarge. Unter 90 Prozent wird es kritisch. Unter 80 Prozent ist das Produkt klar unterdosiert. Bei einem direkten Vergleich identischer Retatrutid-Proben lieferten Janoshik und das Labor Chromate konsistente Ergebnisse (~30 mg), während Krause Laboratories 15 Prozent niedriger lag (26 mg). Das zeigt: Auch zwischen Laboren gibt es Abweichungen.
Die Identitätsbestätigung ist das Wichtigste. Ist die deklarierte Substanz wirklich drin? Bei Testosteron-Varianten kann schon der Ester verwechselt werden, wie im australischen Pilotprojekt dokumentiert: Testosteron Cypionat statt Enantat. Kein Drama, aber auch nicht das, wofür bezahlt wurde.
Batch-Varianz bleibt das größte ungelöste Problem. Ein Test zeigt ein Fläschchen. Nicht die Charge. Nicht die nächste Produktion. UGLs operieren nicht unter pharmazeutischen GMP-Bedingungen. Schwankungen zwischen Chargen sind der Normalfall, nicht die Ausnahme.
Und schließlich: Wann lohnt sich ein eigener Test? Bei teuren Substanzen (Primobolan, HGH, Anavar) eigentlich immer. 120 USD für einen Janoshik-Test relativieren sich schnell, wenn die Alternative ein Zyklus mit einer falschen oder unterdosierten Substanz ist, der im besten Fall nichts bringt und im schlechtesten Fall unerwartete Nebenwirkungen verursacht.
So sind diese Daten entstanden
Für diesen Artikel wurden 7 PubMed-Studien ausgewertet, darunter die Meta-Analyse von Magnolini et al. (2022, DOI) mit 5.413 Proben aus 19 Einzelstudien. Ergänzend flossen öffentlich zugängliche HPLC-Testergebnisse von AnabolicLab.com, Preis- und Methodikdaten von Janoshik Analytical (janoshik.com) und SIMEC AG (simec.ch) ein. Community-Diskussionen von MESO-Rx (Analytical Lab Testing Sektion, u.a. “Project Clear Gear” mit 6.000+ Views und das Janoshik-Megathread mit 165.000+ Views), Evolutionary.org (2025er HPLC-Kompilation, 34 Proben) sowie Daten aus dem australischen CheQpoint-Pilotprojekt (Piatkowski et al., 2025, erstes staatlich finanziertes AAS-Testprogramm weltweit) wurden einbezogen.
Limitationen: Die Meta-Analyse-Daten basieren zu 74 Prozent auf behördlich beschlagnahmten Proben. Beschlagnahmte Ware könnte qualitativ schlechter sein als das, was tatsächlich bei Endverbrauchern ankommt, was die Fälschungsraten nach oben verzerren würde. Janoshik-Tests sind kundenfinanziert, was einen Selektionsbias in die andere Richtung bedeutet: UGLs schicken tendenziell ihre besten Chargen ein. Keine der ausgewerteten Studien enthielt Daten aus den USA, dem Nahen Osten, Asien oder Afrika. Die hier dargestellten Zahlen gelten also primär für den europäischen und australischen Markt. Stand der Datenerhebung: April 2026.




